Neue Sportmodelle und dynamische SUVs rollen in Genf ein

Genf – Was ist das? 305 km/h schnell und rauscht aus dem Stand in 3,6 Sekunden auf Tempo 100? Ganz klar, ein Sportwagen! Nein, denn diese Daten gehören zum Urus, ein rund 2,2 Tonnen schweres, aber dynamisches SUV, das Lamborghini auf dem Genfer Autosalon zeigt (Publikumstage 8. bis 18 März).

Mit dieser Gattung ist der Sportwagenhersteller nicht allein. So hat etwa Mercedes die Tücher vom AMG G 63 gezogen. Die Sportversion des Geländeklassikers bringt trotz Diät rund 2,5 Tonnen auf die Waage. Doch dank 430 kW/585 PS stürmt sie in 4,5 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und wird auf Kundenwunsch bis 240 km/h schnell.

Bentley hat den neuen V8-Motor für das Sport-SUV Bentayga mit 404 kW/550 PS in die Schweiz mitgebracht. Dieser Trend zu großen Motoren in Autos, die nicht gerade nach klassischem Sportwagen aussehen, ist nicht neu, erhält am Genfersee aber neue Nahrung. «Unsere Autowelt wird zur Mobilitätswelt. Da bekommen die alten Begriffe neue Bedeutungen oder verschwimmen in ihrer Bedeutung», sagt Prof. Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen. «Wir gehen in das autonome Fahren, in das Robocar. Das Konzept Sportwagen stammt aus einer älteren Welt.»

Moderne Sportlichkeit sei das Thema in unterschiedlicher Markeninterpretation, so der Experte. Und die gebe es eben in verschiedenen Karosserievarianten, also größerer Bandbreite.

Wie zum Beweis zeigt Mercedes nicht nur den sportlichen Geländebrocken, sondern auch eine viertürige Limousine. Die verknüpfe die Rennstreckendynamik der zweitürigen Sportler mit «höchster Alltagstauglichkeit», so die Stuttgarter. Quasi ein Rennwagen zum Brötchenholen. Das Gebäck dürfte heiß heimkommen. Denn der AMG GT 4-Türer Coupé kann je nach Motor bis zu 315 km/h schnell werden. Im Fond lässt sich auch eine asymmetrisch umklappbare Rückbank ordern – «für die Familie», so Mercedes.

Bei all der Verunsicherung in der modernen Welt ist es gut, wenn es noch robuste Eckpfeiler wie Aston Martin, Porsche und Ferrari gibt. Allerdings liefern die Briten ab dem Frühjahr auch den 375 kW/510 PS starken DB11 Volante aus, mit dem solvente Cabrio-Liebhaber die 300-km/h-Marke ab 199 000 Euro knacken können.

Zügig geht es auch bei Jaguar zu. Hier macht eine Spitze von «nur» 200 km/h hellhörig, selbst bei einem Allrad-SUV. Doch der I-Pace flitzt dank zweier insgesamt 294 kW/400 PS starken E-Motoren rein elektrisch – bis zu 480 Kilometer weit. Von null auf 100 km/h beschleunigt das SUV binnen 4,8 Sekunden.

Wenigstens auf dem Porschestand müsste es doch klassische, flache Zweisitzer geben, die nach Benzin riechen und ihre Motoren röhren lassen – oder? Hier rollt jedoch der Mission E Cross Turismo als Studie ins Scheinwerferlicht. Mit seinem Mix aus klassischer Sportlimousine, SUV und E-Auto ist auch er ein Grenzgänger. Zwei E-Motoren mit insgesamt 440 kW/600 PS beschleunigen ihn binnen 3,5 Sekunden auf 100 km/h. Und noch nicht einmal 12 Sekunden vergehen, bis 200 km/h erreicht sind.

«Sportlichkeit im digitalen Zeitalter ist doch nicht der dicke Auspuff, das Röhren, das Knacken von künstlichen Fehlzündungen, das Quietschen von Reifen», sagt Dudenhöffer. «Sicher werden wir Zwölfzylinder-Ferraris in der Zukunft noch bewundern, aber vielleicht immer stärker als Symbole einer früheren Welt, bei der Technik eben Mechanik war. Aber es wird zur Nische werden.»

Noch sind die Nischen zahlreich. Bereits auf dem Stand der Stuttgarter können Traditionalisten aufatmen. Da ist der Elfer schließlich eine Bank. Und auch aus dem überarbeiteten 911 GT3 RS schauen die typischen Glupschaugen zunächst, als könnten sie kein Wässerchen trüben.

Doch der Sechszylinder-Sauger mit vier Litern Hubraum leistet 383 kW/520 PS. So kann, wer will und mindestens 195 137 Euro überweist, bis zu 312 km/h schnell werden. Und Lamborghini zeigt die um 35 Kilo gewichtsreduzierte Variante vom Performante Spyder – einer nun offenen, keilförmigen Sportversion des Zweisitzers Huracán. Saus und Braus ohne Dach wie in einem Rennsportwagen sind mit bis zu 325 km/h möglich – dank eines V10-Saugmotors mit 470 kW/640 PS.

Noch rasanter geht’s bei Ferrari zur Sache, wo der 488 Pista mit 530 kW/720 PS in Wartestellung lauert. Würde sich jemand den Schlüssel schnappen und den stärksten V8 in der Firmengeschichte zum Leben erwecken, könnte er mit der Kraft zweier Turbos in exakt 2,85 Sekunden von null auf Tempo 100 rauschen, die 200-km/h-Marke nach 7,6 Sekunden passieren und erst bei über 340 km/h den Vorwärtsdrang beenden. Doch Schlüssel rücken die Italiener freilich nur raus, wenn ein noch nicht definierter Betrag den Besitzer wechselt. Der dürfte für die meisten eh zu hoch sein.

Das gilt auch beim McLaren Senna, den der britische Hersteller als Hommage an die 1994 tödlich verunglückte Formel-1-Legende Ayrton Senna auf die Räder gestellt hat. Für 922 250 Euro gibt es einen 588 kW/800 PS starken V8, den zwei Turbos beatmen. So gerüstet, vergehen aus dem Stand 6,8 Sekunden, und Tempo 200 sind erreicht. Ach ja, 100 km/h sind bereits nach 2,8 Sekunden passiert. Die Kleinserie von 500 Autos sei allerdings bereits ausverkauft.

Noch zu haben ist die neue Sportversion des Bugatti Chiron. Die hat unter anderem 18 Kilo abgespeckt, Handling und Agilität seien verbessert worden, so die VW-Tochter. Interessantes Detail: die laut Hersteller ersten Scheibenwischerarme aus Kohlefaser in einem Serienauto. Die Leistung hat all das nicht beeinflusst. Doch dürften die 1103 kW/1500 PS und 420 km/h Topspeed für die überwiegende Zahl dynamischer Vorhaben ausreichen, falls die rund 3,15 Millionen Euro Kaufpreis nicht davon abhalten.

Doch egal, in welcher Form – sind hochpotente Sportautos nicht ein Anachronismus im Zeitalter des autonomen Fahrens und der Umweltdebatten? «Es sind Spaßfahrzeuge, und es werden auch Spaßfahrzeuge bleiben», sagt Dudenhöffer. Ferrari verkaufe die meisten seiner Fahrzeuge in den USA, obwohl es dort nur kerzengerade Straßen und Tempolimits gebe. «Man begibt sich damit ein Stück in eine Traumwelt. Man lässt sich bewundern und ist bereit, dafür viel Geld zu bezahlen. Eben Luxus.» Und davon gibt es in Genf immer eine ganze Menge.


(dpa/tmn)

(dpa)

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