Schumachers Rekorde wackeln: Kann Vettel Hamilton stoppen?

Berlin – Michael Schumachers lange für unerreichbar gehaltene Rekorde von sieben WM-Triumphen und 91 Rennsiegen sind in höchster Gefahr.

Aber nicht Landsmann und Kumpel Sebastian Vettel kann wie sein Idol im Ferrari die Wunderbestmarken der Motorsport-Königsklasse in diesem Jahr angreifen. Nein, Lewis Hamilton könnte am Saisonende zum höchst dekorierten Piloten der Formel 1 aufsteigen und die Ära der Silberpfeile in ebenfalls bisher unerreichte Sphären heben.

Vettel schlüpft in der als Rekordjahr geplanten Saison, die durch den Coronavirus zur Schrumpf-WM werden könnte, in die Rolle des Verhinderers. «Ich hoffe nicht, dass der Rekord fällt», sagte der gebürtige Heppenheimer – auch, weil der mittlerweile 32 Jahre Hesse nach bereits fünf Jahren bei der Scuderia selbst dringend liefern muss. Es geht auch um einen neuen Vertrag. Aufhören will Vettel – mittlerweile dreifacher Familienvater – jedenfalls noch nicht. «Im Moment ist der Auftrag mit dem WM-Titel klar», bekräftigte er. Sein Problem: Dies könnte seine letzte Chance im Ferrari sein.

Zu viele Pannen, zu viele Fehler, zu wenige Siege, keine Titel in seiner bisherigen Ferrari-Zeit. Und in Charles Leclerc hat Vettel einen Teamkollegen, der in der vergangenen Saison schon klargemacht hat, dass er selbst die seit Kimi Räikkönens Triumph 2007 titellose Zeit von Ferrari beenden will.

«Wir wissen alle, wie viel Talent Charles hat», betont Ferrari-Boss Louis Camilleri. Aber der Monegasse habe auch sie überrascht. Aus der Fahrerallianz Vettel/Leclerc wurde binnen kürzester Zeit ein Stallduell, das vor allem eines nicht brachte: den notwendigen Schub für Ferrari, um Branchenführer Mercedes zu schlagen.

Seit 2014 gewannen die Silberpfeile dank Hamilton (5) und Nico Rosberg (1) immer die Fahrer-WM und wurden jeweils auch Konstrukteursweltmeister. Seit der Einführung der Turbo-Hybridmotoren ist die Formel 1 fest in Mercedes-Hand. «Meistens endet so eine Zeit, weil dem Team ein wichtiger Teil wegbricht», sagt Teamchef Toto Wolff und fügt hinzu: «Danach sieht es im Moment nicht aus.»

2021 steht die Formel 1 wieder vor einer Reform, viel wichtiger aber: Bisher stehen Hamilton und Vettel für 2021 ohne Vertrag da. Das Arbeitspapier mit dem 22 Jahre alten Leclerc verlängerte Ferrari kurz vor Weihnachten vorzeitig bis Ende 2024, das mit Vettel endet nach dieser Saison. Das Gleiche gilt für Hamilton bei Mercedes.

Und dann? Womöglich ein Cockpit-Tausch der beiden aktuell insgesamt zehnmaligen Champions? Jünger werden beide nicht. Vettel feiert im Juli seinen 33. Geburtstag, Hamilton wurde im Januar 35 Jahre alt. Er dürfte sein weiteres sportliches Schicksal auch mit Wolff verbinden, der ihm bei Mercedes die Freiräume lässt, um sich zwischen Exzentrik und Weltschmerz-Tiefsinnigkeit auf der Rennstrecke optimal zu entfalten.

In Zahlen bedeutet das: 63 Siege hat Hamilton im Silberpfeil schon verbucht, insgesamt sind es bereits 84. Fünf seiner sechs WM-Titel holte der Brite im Mercedes.

Sieben Siege noch, und Hamilton stellt Schumachers Bestmarke ein. Ein Titel noch, und er hat die sieben WM-Wunder geschafft. «Je näher man rankommt, desto größer werden die Schritte. Aber ich bin natürlich unfassbar geehrt, dass man mich in dieser Kategorie verortet und ich es bis dahin geschafft habe», betonte Hamilton einmal.

So steil nach oben wie einst Hamilton und Vettel streben heute die neuen Jungstars Leclerc und Max Verstappen. Der 22 Jahre alte Niederländer bekommt in Zandvoort Anfang Mai nicht nur erstmals ein echtes Heimspiel, der WM-Dritte von 2019 will in diesem Jahr den Titel angreifen. «Max Attacke bis 2023», titelte sein Rennstall Red Bull zur vorzeitigen Vertragsverlängerung. Mit dem immer stärker und zuverlässiger werdenden Honda-Motor hofft das Team von Milliardär Dietrich Mateschitz auf erfolgreiche Zeiten wie einst mit Vettel von 2010 bis einschließlich 2013, als Red Bull alle Titel abräumte.

Seitdem hat sich viel getan, die Zahl der deutschen Piloten ist kontinuierlich geschrumpft. In diesem Jahr wird Vettel allein sein, der ebenfalls 32 Jahre alte Nico Hülkenberg hatte keinen neuen Kontrakt bei Renault mehr bekommen und wurde durch den 23 Jahre alten Esteban Ocon ersetzt – auch so einer aus der neuen Generation.

Beim Saisonstart in Australien werden die Teams etwas mehr Gewissheit bekommen, wer beim Auto aufs richtige Design und in den Cockpits auf die richtigen Fahrer gesetzt hat. «Wir haben für Melbourne kein Siegerauto. Andere sind derzeit schneller als wir», meinte Ferraris Teamchef Mattia Binotto. Der Eindruck, den die Scuderia bei den Testfahrten hinterließ, war wenig mitreißend. Maß der Dinge war wieder einmal Hamilton im Mercedes – den Schumacher-Rekord immer fest im Blick.

Fotocredits: Joan Monfort
(dpa)

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