VW Atlas Tanoak im Autotest: Pritsche mit Perspektive

Berlin (dpa-infocom) – Sie waren am Boden und haben sich so ganz langsam wieder aufgerappelt: Drei Jahre, nachdem der Dieselskandal in Amerika aufgedeckt wurde, ist VW in der Gunst der Amerikaner wieder deutlich gestiegen. Zu verdanken ist das vor allem dem VW Atlas.

Als ebenso großer wie günstiger Geländewagen trifft er den Geschmack eines Joe Average viel besser als Touareg und Tiguan. Aber damit wollen es die Niedersachsen nicht belassen. Um ihre Comeback-Story zu krönen, experimentieren sie mit einem Karosserie-Konzept, das amerikanischer kaum sein könnte: Einem Pick-up.

Auf Basis des Atlas entwickelt und mit allen Vorzügen aus dem Modularen Querbaukasten (MQB) gesegnet, dreht er als Designstudie Atlas Tanoak seit einem Jahr seine Runden. Aber mit ein bisschen Glück könnte er schon in zwei Jahren in den Handel kommen. Und weil bis dahin der von der Nutzfahrzeugfraktion verantwortete Amarok vollends veraltet ist, hätte er vielleicht nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa eine Chance.

Mehr Lifestyle als Laster

Wie immer bei solchen Showcars hat VW dabei ziemlich dick aufgetragen. Der Tanoak ist nicht mehr als zwei Meter breit, aber überragt mit seiner Doppelkabine bei 3,26 Metern Radstand und 5,44 Metern Länge den ohnehin schon großen Atlas noch einmal deutlich. Außerdem funkelt er mit seinem riesigen Chromgrill zwischen den LED-Scheinwerfern und fällt hinten mit einem breiten Leuchtband auf.

Auch innen gibt der Tanoak den luxuriösen Lifestyle-Laster und lässt den braven Amarok buchstäblich alt aussehen. Schließlich bietet die Studie nicht nur mehr Platz als das Serienmodell, sondern sieht auch um Längen schicker aus: Digitale Instrumente, eine Online-Navigation auf dem großen Touchscreen und jede Menge Lack und Leder.

Komfort-Offensive aus dem MQB

Noch größer sind die Unterschiede beim Fahren – selbst wenn der rote Riese noch ein handgeschnitztes Einzelstück ist: Weil der Tanoak als MQB-Ableger ein etwas groß geratener Verwandter des Golfs ist, hat er eine konventionelle Einzelradaufhängung und eine selbsttragende Karosse. Damit ist er viel entspannter unterwegs, macht auf Bodenwellen keine Bocksprünge und bügelt selbst den vernarbten Asphalt der schlechten US-Straßen glatt wie ein Tischtuch.

Unter der Haube regieren Vernunft und Vergnügen

In Fahrt bringen ihn dabei 206 kW/280 PS, die er aus einem 3,6 Liter großen V6-Benziner schöpft. Der sollte für einen Sprint von 0 auf 100 km/h in deutlich unter zehn Sekunden reichen und eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 200 km/h schaffen.

Und wenn es politisch halbwegs korrekt sein soll, dann wäre auch Plug-In-Hybrid möglich, wie es bereits beim Atlas Cross Sport demonstriert wurde. Dann gäbe es zum 3,6 Liter großen Sechszylinder gleich zwei E-Maschinen – eine mit 40 kW an der Vorder- und eine weitere mit 85 kW an der Hinterachse. Zusammen mit einem 18 kWh großen Akku für 70 Kilometer elektrische Reichweite könnte der Normverbrauch so unter fünf Liter sinken und den Kritikern an Format und Gewicht des Pritschenwagens den Wind aus den Segeln nehmen.

Probleme in der Pflicht-Wertung

Die Nähe zum MQB und das komfortable Fahrverhalten hat allerdings auch einen Nachteil: Allradantrieb hin und eine sicher vier Quadratmeter große Pritsche her, der Tanoak ist lange nicht so hart im Nehmen wie es der Amarok mit seiner Starrachse und den Blattfedern unter der Pritsche ist. Nicht umsonst hat die Pritsche für Profis bis zu 1,5 Tonnen Nutzlast und wühlt sich selbst durch Wüsten und Dschungel. So gut der Tanoak in der Kür sein könnte, so schwer würde er sich deshalb mit der Pflicht tun.

Fazit: Imageträger mit hohem Nutzwert

Zwar taugt der Tanoak sicher nicht zum Volumenmodell, zumindest nicht in Europa. Doch erstens würde er die Absatzzahlen in den gebeutelten USA steigern und zweitens würde er weltweit das Image polieren. Erst recht, weil er der Nähe zum MQB sei Dank nicht teurer werden müsste als der Amarok und keinesfalls mehr kosten dürfte als die großen Geländewagen der Konkurrenz. Allerdings müsste die Entscheidung für den Lifestyle-Laster schnell fallen. Denn schon jetzt passt er nicht so recht in die Zeit, und wenn bald alles nur noch nach Elektroautos ruft, wird es noch schwerer mit der Serienfreigabe.

(dpa)

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