Flörsch nach Horror-Unfall: «Puh, ob der da drin noch lebt?»

München – Die Bilder sind beängstigend. Nachwuchsrennfahrerin Sophia Flörsch fliegt Mitte November beim Weltfinale der Formel 3 auf dem engen Stadtkurs in Macao von der Strecke ab und durchbricht mit ihrem Auto einen Fangzaun. Die 18-jährige Münchnerin bricht sich den siebten Halswirbel und muss anschließend elf Stunden operiert werden. «Zu wissen, dass ich drei Wochen danach fast alles wieder machen kann und nur noch leichte Schmerzen habe, ist verrückt», sagt Flörsch im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Außerdem spricht sie über ihren Comeback-Plan und welche Rolle ihre Oma in Macao gespielt hat.

Frau Flörsch, wie oft haben Sie sich das Video von Ihrem Unfall schon angesehen?

Sophia Flörsch: Schon ein paarmal, aber um ehrlich zu sein, ist es ein bisschen surreal für mich. Ich saß im Auto, und man erlebt es komplett anders. Das ganze Fliegen ist mit dem Auto ein ganz anderes Gefühl. Deswegen denke ich, wenn ich das Video anschaue, dass es jemand anderes ist, weil es sich anders angefühlt hat.

Wie gehen Sie mit den Bildern um?

Flörsch: Ich schaue mir das Video schon noch jeden dritten Tag an, weil ich selber nicht wirklich glauben kann, dass ich das da bin. Es ist ein super schreckliches Video und ein super schrecklicher Unfall. Selbst wenn ich das Video anschaue, würde ich denken: Puh, ob der da drin noch lebt? Zu wissen, dass ich drei Wochen danach fast alles wieder machen kann und nur noch leichte Schmerzen habe, ist verrückt. Es ist aber irgendwo auch cool zu wissen, dass das Auto so sicher ist und dass der Fahrer so gut wieder aus dem Auto ausgestiegen ist.

Woran können Sie sich von dem Unfall noch erinnern?

Flörsch: Ich erinnere mich an alles, ich war immer bei Bewusstsein. Ich weiß noch, wie Safety-Car-Restart war, wie ich hinter (Carlin-Pilot Jehan) Daruvala die Gerade runtergefahren bin, sehr guten Windschatten hatte, rausgezuckt habe zum Überholen und er auf einmal verzögert hat. Ich habe meinen linken Reifen verloren und ab da bremst man nur noch als Fahrer. Ich hatte aber keine Kontrolle mehr über das Auto wegen der Reifen. Ich bin dann erst rechts in die Wand rein, ab da löst du die Hände wegen der Kräfte vom Lenkrad und wartest eigentlich nur noch auf die Wand. Das Fliegen hat sich im Auto anders angefühlt, und dann weiß ich nur noch, wie ich auf dem Zaun oder auf den Reifenstapeln lag und mir den Feuerlöscher aus dem Gesicht gemacht habe, weil er angegangen ist.»

Was haben Sie nach dem Einschlag befürchtet?

Flörsch: Man denkt da gar nicht so darüber nach. Ich hatte Schmerzen im Rücken und Nacken. Mein erster Gedanke war aber wirklich: Oh Gott, meine Augen brennen und es schmeckt echt eklig, was ich da im Mund habe. Dann kamen auch schon die Marshalls und der Doktor. Und da merkt man richtig den Schmerz. Mit dem Adrenalin war das noch gedämpft. Nachdem ich meine Hände zum Abwischen des Feuerlöschers benutzt habe, wusste ich, dass ich meine Hände bewegen kann. Meine Schienbeine waren oben am Cockpit aufgeschürft, ich konnte sie aber auch bewegen. Nur der Nacken und der obere Rücken haben weh getan.

Hatten Sie zu einem Zeitpunkt Angst um Ihr Leben?

Flörsch: Nicht wirklich, weil ich wusste, ich kann alles bewegen. Dass es wirklich so knapp war bei mir, dass ich nicht mehr alles bewegen kann, wusste ich erst nach der Operation, als auch das Schmerzmittel abgesetzt wurde. Mein größter Gedanke war, dass man meiner Mama, meiner Familie Bescheid sagen soll, dass alles okay ist. Ich hatte nie wirklich Angst. Ich konnte nur den Schmerz nicht richtig einschätzen. Da die ganzen Doktoren alle nur Chinesisch gesprochen haben, konnte ich auch nichts verstehen.

Haben Sie diesen schrecklichen Vorfall schon verarbeitet?

Flörsch: Ich habe ein paar Tage gebraucht, weil ich komplett unter Schmerzmitteln stand. Ich habe Morphium bekommen, hatte eine Pumpe, auf der ich nachdrücken konnte, wenn ich wieder Schmerzen hatte und deswegen kann Papa ein paar lustige Geschichten erzählen (lacht). Ich war einfach komplett weg. Abgeschlossen habe ich damit, weil ich einfach glücklich bin, dass ich überhaupt noch alles bewegen kann, dass ich mit der Reha beginnen kann. Die Ärzte haben gesagt, ich hatte eine Million Schutzengel, aber trotzdem sind sie guter Dinge, dass ich hoffentlich Ende Februar, Anfang März wieder so fit bin, dass ich wieder Autofahren kann.

Ihnen wurde bei dem Eingriff eine Titanplatte eingesetzt. Welche Prognose haben Ihre Ärzte erstellt?

Flörsch: Es wird natürlich ein paar Wochen oder Monate dauern, an sich soll aber alles wieder normal werden.

Ist Ihre Lust auf Motorsport ungebrochen?

Flörsch: Ja, sie ist ungebrochen und ich will auch wieder nach Macao zurück, wenn die Chance besteht und es nächstes Jahr stattfindet. Der Unfall war schrecklich, aber es ist sehr viel Unglück zusammengekommen. Unterm Strich hatte ich sehr viel Glück. Ich bin echt mit wenigen Verletzungen raus, meine Oma war mein Schutzengel. Sie meinte früher immer, als ich Kart gefahren bin, das ist zu gefährlich, den Sport darfst du nicht machen. Sie hat ein Auge auf mich, wenn ich im Auto sitze.

Hat Ihnen jemand aus Ihrem engen Umfeld geraten, den Motorsport bleiben zu lassen?

Flörsch: Ich habe immer offen gesagt, dass ich weitermachen will, dass ich mich davon nicht unterkriegen lasse. Vielen fällt erstmal die Kinnlade runter, aber die meisten verstehen es. Ich mache den Sport seit 13 Jahren, er ist mein Leben, und es ist mein Ziel, in die Formel 1 zu kommen. Das jetzt wegen so einem Unfall aufzugeben, macht für mich keinen Sinn.

ZUR PERSON: Sophia Flörsch (18) stammt aus München und hat im Sommer ihr Abitur gemacht. Mit vier Jahren drehte sie ihre ersten Runden im Kart, in diesem Jahr gab sie ihr Debüt in der Formel 3. Flörschs ganz großer Traum ist ein Formel-1-Cockpit 2022 oder 2023.

Fotocredits: Lino Mirgeler
(dpa)

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